Wandel(n) in Stuttgart

Stuttgart: Stadt der Autos, Feinstaubrekorde und Baugruben? Das ist die eine Seite. Für eine Großstadt mit rund 600.000 Einwohnern hat Baden-Württembergs Landeshauptstadt vergleichsweise viel Natur zu bieten, mitunter sogar Wildnis. Zum Beispiel im Stadtteil Wangen.

Mildes Klima und sonnige Hänge machen Stuttgart zum idealen Terrain für Weinbau. Zwar fielen große Flächen der Siedlungsentwicklung zum Opfer, doch noch immer wachsen Reben bis ins Stadtzentrum hinunter. Über die Sonnenhänge des Wangener Berges zogen sich Weinbergterrassen, in Schattenlagen gediehen Obst und Beeren prächtig. Als Wein- und Obstbauern „beim Daimler“ und anderen Industriebetrieben ein besseres Auskommen fanden, setzte ein Wandel am Wangener Berg ein. Grundstücke mit guter Zufahrt mutierten zu heiß begehrt Freizeitgärten für die Städter. Ungünstig gelegene Gütle, steil und schwer zugänglich, verwildern mehr und mehr. Zusammen mit Weinbergen und Obstanlagen versank auch ein gut durchdachtes Wegenetz aus steilen Staffeln und schmalen Pflasterwegen, „Wandel“ genannt, in einen Dornröschenschlaf.

Stuttgarts verwildertes Gärtlein

Aus diesem hat sie das Amt für Umweltschutz gemeinsam mit Obst- und Gartenbauvereinen und engagierten Bürgern behutsam aufgeweckt. Zugewucherte Grenzsteine und Stäffele mit Original-Travertinstufen sind nun freigeschnitten, abgerutschte Trockenmauern aufgerichtet, Pflasterwege auf 14 Kilometer Länge wieder zugänglich gemacht. Unter dem Namen „Wandelwege“ führen sie seit 2014 durch Stuttgarts verwildertsten Garten: Auf alten Weinbergmauern sonnen sich Schlingnattern und Eidechsen, während im Schatten Mauerraute, Storchschnabel und Braunstieliger Streifenfarn wurzeln. Diese Trockenmauern bilden ökologische Nischen, an denen die Experten vom Naturkundemuseum rund 150 Moosarten identifizierten. Dichte Hecken geben tausenden Vögeln Unterschlupf, in struppigen Gärten summen Wildbienen, auf den Magerwiesen gedeiht Stuttgarts größtes Vorkommen der Bienenragwurz, dazu Weinberg-Lauch und Osterluzei. Man wandelt und wandert und plötzlich lichtet sich die Wildnis: Unversehens steht man auf einem der belebten Hauptwege, den Biergarten, Brunnen und Gartenhäuschen säumen, und kann über den Zaun hinweg schwäbisch-korrekte Gemüsebeete bestaunen.

Kleine Wegweiser helfen bei der Orientierung durchs Terrain, Faltpläne stehen zum Download bereit. Und trotzdem hat ein Gang über die Wandelwege stets einen Schuss Expeditionscharakter, denn die Natur verbirgt die alten Pfade, kaum schaut das Umweltamt mal weg, im Handumdrehen wieder hinter einem Schleier aus wilden Rosen, Akelei und Farn.